Sie kennen das sicherlich: derzeit entkommt man in keinem Medium – gleich ob Zeitung, Zeitschrift, Radio, Internet oder Fernsehen – Berichten über James Camerons neuen Film Avatar.
Gleichzeitig werden wir mit Boulevardinformationen rund um die Twilight-Filme und deren Darsteller zugemüllt, müssen „Berichterstattung“ über Harry Potter und Konsorten über uns ergehen lassen.
Warum ist das so, dass so viele Medien – insbesondere solche, die scheinbar kostenlos oder sehr günstig konsumiert werden können – in so einem enormen Ausmaß über solche Massenphänomene zu „berichten“ scheinen?
Nun, zunächst muss festgehalten werden, dass der tatsächliche Informationsgehalt solcher Berichte sich zumeist in engsten Grenzen hält. Ö3 liebt es zum Beispiel, über angbeliche Techtel-Mechtel der Twilight Darsteller Robert Pattinson, Kristen Stewart und Taylor Lautner zu „berichten“ – wobei Ö3 nicht selten einfach nur von anderen Society-Seiten wie tmz.com abschreibt. Dieses Abschreiben scheint im Sommer 2009 begonnen zu haben, was den Schluss nahelegt, dass eine Praktikantin diese Praktik eingeführt hat (und dazu sind sie ja auch da – um Dinge einzuführen).
Auch der ORF kann auf seiner Newsseite news.orf.at nur über allgemeinen Boulevard zu Avatar berichten, und wiederkäuen, was die Vatikan-Zeitung L’Osservatore Romano oder Radio Vatikan über die Inhalte des Filmes schreiben bzw ausstrahlen. Überraschend „weltlich“ dabei ist der Kommentar von Radio Vatikan, wonach Camerons Avatar eher harmlos sei, und andere Science Fiction Filme mit weniger Spezialeffekten wesentlich mehr Inhalt vermitteln würden.
L’Osservatore Romano kritisiert dabei noch, dass in Avatar die Natur nicht als Schöpfung eines Gottes sondern selbst als eine art Weiser Gottheit verehrt würde – die werden doch wohl keine Konkurrenz fürchten?
Doch zurück zum Thema. Warum also machen Medien so dermaßen viel kostenlose Werbung für Hollywood-Blockbuster?
Nun, sie ist nicht kostenlos – das ist der Punkt.
Eine Internet-Society-Plattform finanziert sich – wenn sie keinen großen Zeitungsverlag hinter sich hat – ausschließlich durch Werbung. Werbung kann aber nur verkauft werden, solange sie auf der Plattform auch ausgeliefert werden kann. Ausgeliefert bedeutet hierbei: durch einen Seitenaufruf beim Leser im Browser angezeigt. Ob der Leser sie dann auch beachtet oder gar darauf klickt, ist schon wieder eine andere Sache. In erster Linie geht es um den Sichtkontakt mit der Werbung.
Um aber Werbung ausliefern zu können benötigen Medien Leser – Kaufzeitungen benötigen Abonnenten und Käufer oder zumindest Leute, die die Exemplare am Sonntag aus den Ständern klauen, um mit einer bestimmten „hohen“ Auflage „glänzen“ zu können. Gratis-Zeitungen haben es da schon leichter, Auflage zu erzielen, müssen aber wesentlich mehr Werbung zu billigeren Preisen verkaufen, um sich finanzieren zu können. Internet-Plattformen wiederum verschleudern Werbeplätze zu Mindestpreisen.
Und wie bekommen Zeitungen und Internet-Angebote nun Leser: durch „Berichte“ über die Themen, über die „die Welt“ gerade spricht. Denn diese werden zwangsläufig gelesen und angeklickt.
Hier tritt eine Art Selbstbefruchtungsfunktion der Medienbranche in Kraft – ein geschickt platzierter Artikel, den ein findiger Marketing-Experte in einer Zeitung (bezahlt) unterbringt, kann ausreichen, um andere Medien dazu zu bringen, das Thema aufzugreifen, und darüber zu berichten. Und sobald ein paar Medien über ein Thema berichten, besteht die Chance auf eine Medienpandämie analog zur Schweinegrippe - die natürlich ebenfalls nichts anderes war als eine genau auf ebendiese Weise entstandene künstlich aufgeblasene und nur von der Medienbranche am Leben erhaltene leere Blase.
Um nicht allzu anbiedern zu wirken, nennen pseudokritische Medien das Ganze dann abfällig „Hype“ – und biedern sich damit jenen Lesern an, die von sich selbst glauben, gegen „Hypes“ immun zu sein.
Aber keine Sorge, TwilightAvatarHarryPotterSchweinegrippeWirtschaftskrise wird auch SIE erwischen. Im Radio, im Fernshen, im Netz … irgendwo. Wenn Sie es am wenigsten erwarten …